Schlaf? Wo?

Schlaf und Resilienz

Mütter und Schlaf – selten werden sie zusammen in einem Raum gesehen.

Wenn ich an die Zeit zurück denke, in der die Kinder noch sehr klein waren, kann ich manchmal nicht fassen, mit wie wenig Schlaf ein Mensch auskommt. Nur zwei Stunden in zwei Nächten pro Woche müssen mir heute mal fehlen – und ich spüre den Mangel in jeder Faser – und frage mich: „Wie hast Du das damals bloß ausgehalten?“ Wenn mir andere Mütter in dieser Zeit mit leuchtenden Augen erzählten: „Der Tim, der schläft ja durch. Seitdem er drei Wochen alt ist – manchmal acht Stunden am Stück“ – ich konnte mich kaum mitfreuen, im Zweifel waren mir nach „Der Tim, …“ eh schon geistig die Augen zugefallen.
Viele Mütter kennen sie – diese Tage nach wochenlangem Schlafentzug, die sich anfühlen wie ein Marathon mit zusammengebundenen Füßen:

Seit drei Monaten war es der Dauerzustand: Die Nacht war nicht nur kurz, es gab keine Nacht. Zumindest keine, die per Definition das leistete, was die Stunden zwischen 22 und 6 Uhr morgens für einen nicht im Schichtdienst arbeitenden Menschen parat haben sollten: Schlaf, Träume, Ruhepuls.
Stattdessen: alle drei Stunden aufstehen und stillen und wahlweise orientierungsloses Umherschlurfen mit dem Kleinsten, meine Arme lahm vom Fliegergriff und die Ohren klingelten vom Geschrei. Blähungen schmerzen eben in vielerlei Hinsicht.
Kümmelzäpfchen, sachte Bauchmassagen, Kirschkernkissen – nichts schien zu helfen und die Nacht dauerte noch eine gefühlte Woche.
Irgendwann kam dann im wahrsten Sinne des Wortes die Erlösung – es folgten Ruhe und Schlaf. Zwei Stunden später klingelte der Wecker.
Das hieß nicht nur, dass ich aufstehen musste, ich sollte auch noch die Stunden zwischen 7 und 18 Uhr überstehen. Unter anderem bedeutet das: Den Weg zur Kita finden, Kind Eins zügig und trotzdem liebevoll abgeben und sich dabei bloß nicht in Gespräche verwickeln lassen, beim Einkauf Kind Zwei möglichst nicht im Wagen vergessen und anschließend im Pekip-Kurs bei einer gefühlten Raumtemperatur von 40 Grad nicht vornüber kippen.

Irgendwie bin ich schließlich nach Hause gekommen und fand mich auf dem Fußboden wieder – Legosteine in der Hand, Kind Eins baute begeistert.
Und Kind Zwei? Holte den Schlaf der vergangenen Nacht nach.
Ich versuchte aufrecht zu sitzen, merkte aber, wie mir immer wieder die Augen zufielen. Nur ganz kurz legte ich mich auf den Teppich und stützte den Kopf in meine Hand, zwei Steine bekam ich ineinander gesteckt, bis mich ein kleiner Finger anstupste: „Mama? Weiterbauen!“
Kind Zwei schlief immer noch, das Babyphone meldete nichts.
Kind Eins schrie auf, es hatte sich den Finger beim Zusammenstecken geklemmt. Puh. Aufstehen. Mein Kreislauf war dagegen. Tränen flossen, wir kühlten den Finger unterm Wasserhahn. Meine Augen brannten, mein Kopf pochte. Kind Eins beschloss, sich nicht zu beruhigen und die Doppelverglasung vibrierte, dass die Nachbarn meinen konnten, hier läge ein Fall fürs Jugendamt vor. Das Gebrüll wurde ohrenbetäubend. Mit wattigem Blick zog ich alle Register: trösten, ermahnen, einfach ruhig bleiben und halten… nichts half. Ein Königreich für einen kurzen Moment Ruhe. Nur zwei Minuten mal alleine sein. Kurzer Gedankenblitz: Eigentlich musste ich Kind Eins langsam mal wecken, sonst würde es nachher nicht schlafen … eigentlich. Und schon galoppierte der Gedanke wieder davon.

„MAMAAAA!!“ Ich erklärte Kind Eins, dass ich mal zur Toilette muss – und verschwand in den Flur, trappelnde Schritte hinter mir. Tür zu, Ruhe. Bitte, nur ein paar Minuten. Dann direkt vor der Tür ein „Mama, mach auf!!“, „Kleinen Moment, Mama ist gleich da.“
Ich musste gar nicht. Ich saß auf dem Boden, die Knie angewinkelt, den Kopf in die Hände gestützt und hatte Tränen in den Augen, ich wollte nur noch ein paar Stunden Schlaf. Draußen ging ein Trommelfeuer auf die Tür los. Ich wischte mir übers Gesicht, stand auf, das Abendprogramm lief – Essen, leicht gelallt den „Grüffelo“ vorlesen, dann war Kind Zwei im Bett und schlummerte. Ich lag ebenfalls und Schlaf rollte wie eine große Welle über mich hinweg… da war doch was? Klar. Kind Eins wurde wach …

Mütter gehen oft über ihre ganz individuellen Kraftgrenzen, und so manche meiner Klientinnen habe ich mit Tränen in den Augen den Satz sagen hören: „Aber ich will ja auch nicht jammern, andere haben drei oder vier Kinder und arbeiten noch zehn Stunden mehr – und die schaffen das schließlich auch.“ Und genau da gehen wir als Mütter über eine Schmerzgrenze, die wir zwar spüren, aber ignorieren, weil wir zu oft die Zähne zusammenbeißen – unter dem unerbittlichen Vergleich mit anderen und mit der Literatur, die uns sagt, wie unser Leben, unsere Kinder – und vor allem wie wir zu sein haben. Dabei hat jede Mutter ihre eigene Geschichte, jede Schwangerschaft, jede Geburt, jedes Kind ist anders, kein Start ins Familienleben läuft gleich ab – und jede Mutter hat ihr Thema, mit dem sie ganz sicher nicht alleine da steht – würden wir uns nur einmal trauen, auf die Frage „Wie geht es Dir“ auch zu antworten: „Ganz ehrlich? Ich könnt gerade heulen. Ich bin fix und fertig. Ich liebe meine Kinder, aber ich liebe auch Cocktails mit Schirmchen. Und heute würde ich sie glatt dafür eintauschen.“
Es würde den Druck nehmen, den so viele Mütter spüren – und an dieser Stelle lasse ich Instagram und Co absichtlich außen vor. Oft reicht schon der alltägliche Druck der Begegnungen, der kurzen Sequenzen, in denen ganz nebenbei und ungefragt Wertungen und Ratschläge verteilt werden – und in denen jeder viel Kraft aufwendet, um bloß die Haltung zu bewahren. Solidarität wäre schön, Sensibilität, Nachsicht und Unterstützung – statt eines herablassenden „Also ICH bin da ganz entspannt“.
Doch der Alltag ist meistens kein Wunschkonzert und Mütter können oft nur eines tun, um nicht in diesen Leidensdruck zu geraten: Sich eine innere Stärke aufbauen, ein Schutzschild zusammenstellen aus Optimismus, Ressourcen, Achtsamkeit und Zielen – Resilienz ist das Zauberwort – eine innere Schicht, die uns schützt. Und uns so gegebenenfalls sogar zu ein paar Stunden Schlaf mehr verhelfen kann.

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